"Wir haben wahrscheinlich die erste Schlacht gewonnen"
"Investas"-Präsident Jean-Paul Hoffmann wertet Einsatz gegen Kaufofferte
von Bertelsmann für RTL Group?Aktien als Erfolg / Audiolux-Geschäftsführer
Gaston Schwertzer verlangt Einhaltung der Liquiditätszusage
aho Hätten sich die Kleinaktionäre der RTL Group nicht zur Wehr setzt,
wäre die für Anfang Februar plante Kaufofferte der deutschen Bertelsmann
AG höchstwahrscheinlich längst über die Bühne gegangen, sagte Audiolux-Geschäftsführer
aston Schwertzer am Freitag in einem Gastvortrag auf der Generalversammlung
der Interessenvertretung Luxemburger Kleinaktionäre Investas.
Damit wäre auch die Möglichkeit verpasst worden, Bertelsmann zu verpflichten,
den Minderheitsaktionären die Möglichkeit zu geben, ihren Anteil an
der RTL Group zu vergleichbaren Bedingungen abzutreten wie beim Geschäft
zwischen Bertelsmann und der Groupe Bruxelles Lambert im vergangenen
Jahr, das dem deutschen Medienkonzern die Kontrolle über die Luxemburger
Gesellschaft einbrachte. Außerdem stünde die Kaufofferte in völligem
Widerspruch zu der Zusage, den Streubesitz der RTL Group auf mindesten
15 Prozent zu erhöhen, sagte Schwertzer.
Die Bertelsmann AG, die anscheinend nicht mit dieser massiven Gegenwehr
der Luxemburger Kleinaktionäre gerechnet hat, habe sich zudem den
Weg versperrt, einen besseren Preis anzubieten, so Schwertzer weiter.
Grund dafür sei die von der Gesellschaft Pearson aufgestellte Bedingung
beim Verkauf ihres RTL Group?Anteils (22 Prozent) an Berlsmann. Das
britische Medienhaus kann demnach im Falle der Zahlung eines höheren
Kaufpreises an andere innerhalb von 18 Monaten eine entsprechende
Nachzahlung von Berlsmann fordern.
Jean-Paul Hoffmann, Präsident von Investas a.s.b.l., ist der Ansicht,
dass diese "Pearsonfrist" auch Inhalt des Gesprächs zwischen Premierminister
Juncker und Bertelsmann-Chef Middelhof im Februar 2001 gewesen sein
könnte. Möglicherweise sei vereinbart worden, nach Ablauf der 18 Monate
ein verbessertes Angebot zu unterbreiten, ohne dass Bertelsmann eine
millionenschwere Nachzahlung an Pearsonleisten müsse. "Wir werden
abwarten und die weitere Entwicklung genau beobachten", sagte Hoffmann
gegenüber dem LW.
Investas hat sich etabliert
Für den Präsidenten von Investas war 2001 ein sehr bewegtes Jahr in
der Geschichte der Luxemburger Kleinaktionäre. Die bereits 1959 gegründete
Vereinigung, die früher unter der Bezeichnung "Association luxembourgeoise
pour le developpement de l'épargne et la defense des intérêts des
detenteurs de valeurs mobilieres" (Dedid) bekannt war, habe sich nicht
nur organisatorisch (Sekretariat, Internetauftritt) weiterentwickelt.
Vielmehr habe sich Investas als Sprachrohr der luxemburgischen Kleinaktionäre
etabliert und damit an die Erfolgsjahre Anfang der 60er angeknüpft,
so Hoffmann auf der Generalversammlung.
Ein Hauptgrund dafür sei, dass sich die Vereinigung zusammen mit den
Investmentgesellschaften Audiolux und BGL Investment Partners (BIP)
massiv gegen die Pläne des Bertelsmann-Konzerns eingesetzt hat, um
das öffentliche Kaufangebot für die restlichen im Streubesitz befindlichen
Aktien der RTL Group zu verhindern. Es sei sehr ruhig geworden um
die für Anfang Februar angekündigte Offerte, hieß es. "Wir haben wahrscheinlich
die erste Schlacht gewonnen", sagte Hoffmann.
Auch im europäischen Ausland habe sich Investas, die sich über einen
massiven Zulauf von neuen Mitgliedern freut, als "unumgänglicher"
Vertreter der Luxemburger Kleinaktionäre behauptet, hieß es weiter.
Beleg dafür sei das enorme Echo im In- und Ausland auf die Pressemitteilung
der Vereinigung von Ende Februar 2002 gewesen.
Unterstützung vom Börsenpräsident Der gemeinsame Einsatz von Investas
und den luxemburgischen Investmentgesellschaften sei zudem auf der
"Journee boursiere" am vergangenen Mittwoch gelobt worden. Jean Krier,
Präsident der Luxemburger Börse, plädierte mit Nachdruck für einen
besseren Schutz der Interessen von Minderheitsaktionären. Er wurde
beauftragt, in diesem Sinne bei der Regierung zu intervenieren. Enttäuscht
zeigte sich Hoffmann darüber, dass die Fondsmanager der "Loi-Rau"-Investmentfonds,
über die viele Bürger in Luxemburg indirekt Anteile an der RTL Group
halten, bisher nicht offiziell Stellung zur geplanten Kauf-Offerte
der Bertelsmann AG bezogen haben.
Ziele für 2002
Als Ziele für 2002 nannte Hoffmann den Ausbau und die Verbesserung
der seit vergangenem Jahr bestehenden Kooperation mit der Luxemburger
Börse. Außerdem solle versucht werden, die Präsenz der Kleinaktionäre
in den Kontrollorganen von Luxemburger Finanzgesellschaften zu verstärken.
Vorstellbar sei beispielsweise, dass Investas Vertreter in den Verwaltungsrat
solcher Gesellschaften schickt, in denen der Staat entscheidenden
Einfluss hat und deren Streubesitz über zehn Prozent liegt.
Luxemburger Wort 16.03