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Bertelsmann

Der Rückzug vom Rückzug

Börsen-Zeitung, 20.3.2002 Bertelsmann und die Börse: ein sensibles Thema. Bekanntlich steckt der Gütersloher Medienriese in Trockenübungen zur Vorbereitung eines IPO. Ein Going Public kann der Minderheitsaktionär GBL von 2005 an verlangen. Bertelsmann und die Börse: da wird genau hingeschaut. Die (negativen) Erfahrungen mit den kleineren Beteiligungen und Töchtern wie Lycos Europe oder Pixelpark sind sicher nicht auf den Konzern übertragbar. Die Beobachtungen des Listing der RTL Group schon, bildet die Sendergruppe doch das wohl wichtigste Standbein des Konzerns. Im Börsen-Kurs von RTL ist die Lernkurve noch ganz am Anfang. Notiert seit Juli 2000, spielt RTL am Kapitalmarkt eine glanzlose Rolle und fällt eher als Drehscheibe für Transaktionen der Großaktionäre auf. Pünktlich zum Weihnachtsfest 2001 - also nicht einmal anderthalb Jahre nach dem Start -wurde schon der Rückzug von der Börse eingeleitet. Doch die Aktion, verbliebene Anteile wieder einzusammeln, ist am Widerstand von außenstehenden Aktionären gescheitert. Also folgt der Rückzug vom Rückzug, es bleibt beim Listing. Und vor allem: Bertelsmann muss bei Strategie und Kapitalmarkt-Auftritt Kratzer am Image hinnehmen. Wb

Bertelsmann gibt doch kein RTL-Angebot ab

44 Euro je Aktie "nicht realisierbar"? Kein Delisting

Börsen-Zeitung, 20.3.2002 wb Frankfurt ? Die Bertelsmann AG wird nun doch kein freiwilliges Kaufangebot für die verbliebenen Aktien der RTL Group unterbreiten. Das teilt der Medienkonzern aus Gütersloh mit. Er gebietet mittlerweile nach Zukäufen am Markt über einen Anteil von 90,2 % des Kapitals an der Sendergruppe.
Bertelsmann zieht damit Konsequenzen aus dem Widerstand von Streubesitz in Luxemburg und hält auch die Hürden, die die dortige Börsenaufsicht aufbaut, offenbar für hoch. Bei den in Luxemburg von Seiten des Free Float angestrengten Klagen hat das Gericht keine Eilbedürftigkeit erkennen lassen, so dass Bertelsmann ihrerseits keine Dringlichkeit empfindet, RTL zu delisten.
Zu erwarten ist, dass der Rückzug von der Londoner Börse versucht wird; das Listing dort war mit Blick auf den britischen Ex-Großaktionär Pearson eingegangen worden. In London findet aber kaum Handel statt.

Was macht die WAZ?
Zu Weihnachten vorigen Jahres hatte Bertelsmann mitgeteilt, den Anteil der britischen Pearson-Gruppe an RTL von 22 % zu übernehmen und damit auf 89% aufzustocken. Es wurde parallel die Absicht bekundet, die Restanteile von RTL, die erst seit Juli 2000 notiert ist, einzusammeln und die Sendergruppe zu delisten. In aktueller Struktur hält Bertelsmann 37% an RTL indirekt über die BW-TV-Holding. Sie ist ein Joint Venture mit der WAZ-Gruppe, die über ihre 20 % an der Holding indirekt über rund 7% an RTL gebietet. 53,2 % liegen direkt bei Bertelsmann. Für die WAZ-Gruppe, die daran interessiert ist, beim Verlag Axel Springer einzusteigen, ist Fernsehen kein Kerngeschäft, so dass ein Ausstieg lockt. Hier könnte in absehbarer Zeit ein Deal anstehen.
Der Gütersloher Konzern muss vermeiden, dem Streubesitz und der WAZ mehr zu zahlen als Pearson, denn in diesem Falle hätten die Briten Anspruch auf Nachschlag. Pearson erhielt 1,5 Mrd. Euro, was 44 Euro je Aktie entspricht. Angekündigt worden war, dass beim Zustandekommen eines öffentlichen Kaufangebots für die verbliebenen 11 RTL-Prozent ebenfalls 44 Euro offeriert würden. Für RTL gelten die Luxemburger Gesetze: ein Squeeze-out gibt es im Großherzogtum nicht.

Kein Verzicht auf Klagen
Jetzt wird mitgeteilt, Bertelsmann habe beschlossen, kein Kaufangebot für all jene Anteile zu unterbreiten. Offenbar, so heißt es in RTL nahen Kreisen, waren Behörden und Aktionärsopponenten nicht bereit, auf künftige Klagen zu verzichten. Ausführliche Diskussionen über die für eine potenzielle Offerte relevanten Bestimmungen haben, so wird mitgeteilt, zu dem Schluss geführt, dass ein Angebot zu den angestrebten Konditionen "nicht realisierbar" sei. Zuletzt habe Bertelsmann weitere 785 000 RTL-Aktien für je 44 Euro übernommen, was 34,5 Mill. Euro erforderte. Als Folge dessen und der Übernahme des Pearson-Anteils befinden sich 90,2 % von RTL im Besitz von Bertelsmann und verbundener Unternehmen. Der Konzern beabsichtige, diesen Anteil beizubehalten, und behält sich das Recht auf weitere Aufstockung vor, wobei die Rechte der Minderheitsaktionäre auch in Zukunft beachtet würden.

GBL in Wartestellung
Erst vor gut einem Jahr hatte Bertelsmann zu ihren damals bestehenden 37 % an RTL von der Groupe Bruxelles Lambert S.A. (GBL) weitere 30% erworben. Gleichzeitig übernahm GBL, deren Mehrheit bei Albert Frere und Paul Desmarais liegt, 25,1% an der Bertelsmann AG, wobei 0,1 % kein Stimmrecht haben. Im Zuge dieses Tauschs soll GBL 260 Euro je RTL?Aktie bekommen haben, so die Opponenten; doch gibt und gab es keine Bewertung von Bertelsmann ? der Konzern ist nicht notiert. Beim GBL-Deal lag die RTL-Aktie, die beim Debüt 170 Euro kostete, wesentlich höher als zur Zeit der Pearson-Transaktion. Das Papier war nach dem Börsengang stark gefallen. Zu berücksichtigen ist auch, dass GBL mit seinem RTL-Paket etwa die Hälfte der eigenen Assets in den Bertelsmann-Anteil tauschte und damit quasi zinslos parkte. GBL hatte sich ausbedungen, ein Bertelsmann-IPO von 2005 an verlangen zu können. Wie in Gütersloh versichert wird, denkt der Konzern nicht daran, dafür in den RTL-Mantel von RTL zu schlüpfen.


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