Bertelsmann verzichtet auf Kaufangebot RTL-Aktien
Luxemburger Minderheitsaktionäre werten Verzicht als Erfolg
ihrer Gegenwehr und hoffen auf Gerichtsurteil
Wegen Position der Aufsichtsbehörden, Druck der Kleinaktionäre
und offenem Gerichtsverfahren
aho Der deutsche Medienkonzern Bertelsmann hat am Dienstag angekündigt
,entgegen den ursprünglichen Plänen, kein öffentliches
Angebot für die ausstehenden Aktien der Luxemburger RTL Group
abzugeben. Wie das Unternehmen in einer Pressemitteilung bekannt gab,
sei ein freiwilliges Angebot über 44 Euro pro Aktie zu den gleichen
Bedingungen wie bei der Übernahme des 22-Prozent-Anteils der
britischen Pearson-Gruppe im Dezember 2001 nicht realisierbar.
Großen Einfluss auf den Kursverlauf der Aktie hatte die Ankündigung
nicht. RTL Group schlossen am Dienstag an der Luxemburger Börse
um 1,12 Prozent höher gegenüber dem Vortag bei 45 Euro.
Aus Sicht von Bertelsmann war der Grund, kein Kaufangebot zu unterbreiten,
die von den Aufsichtsbehörden geforderten Bedingungen für
eine Offerte. Diese Bedingungen, über die Bertelsmann keine Angaben
machte, seien nicht akzeptabel gewesen, hieß es.
Position der CSSF
Überrascht zeigte sich Direktor Charles Kieffer von der"
Commission de surveillance du secteur financier" (CSSF) überangebliche
Bedingungen für das Kaufangebot. Die CSSF und die belgischen
Aufsichtsorgane würden in erster Linie die Position vertreten,
dass Bertelsmann in seinem Prospekt möglichen Forderungen von
Kleinaktionären, die sich aus dem noch offenen Verfahren gegen
die deutsche Mediengesellschaft ergeben könnten, bei der Kaufofferte
Rechnung tragen müsse, sagte Kieffer.
Preis von 44 Euro ist vom Tisch
Die Vertreter der Minderheitsaktionäre in Luxemburg begrüßten
in einer ersten Reaktion den Verzicht von Bertelsmann. Andre Birget,
Direktor von BGL Investment Partners (BIP), sagte gegenüber dem
Radiosender DNR, dass der Rückzug vom freiwilligen Kaufangebot
zwar nicht in allen Punkten den Erwartungen entsprach, aber zumindest
sei der Preis von 44 Euro vom Tisch. Damit sei das Dossier RTL Group
aber noch lange nicht abgeschlossen. Es laufe noch eine alte Rechnung,
meinte Birget.
Der BIP-Direktor spielte auf den Gerichtsprozess gegen Bertelsmann
an, den die Gesellschaft gemeinsam mit Audiolux und der Interessenvertretung
der Luxemburger Kleinaktionäre Investas a.s.b.l. führt.
Nach wie vor gibt es keine Entscheidung des Luxemburger Gerichts über
den Vorwurf der Klägerparteien, dass bei der Transaktion zwischen
der Groupe Bruxelles Lambert und Bertelsmann, der dem deutschen Medienkonzern
die absolute Mehrheit bei der RTL Group einbrachte, die Rechte der
Minderheitsaktionäre verletzt wurden, weil sie von dem Geschäft
ausgeschlossen blieben.
Bereits abgelehnt worden war am Bezirksgericht Luxemburg die von Audiolux
und BIP eingebrachte Eilklage, den angestrebten Aktientausch zwischen
GBL und Bertelsmann zu suspendieren, bis die Frage geklärt wurde,
ob ein Verstoß gegen die Gleichbehandlung aller Aktionäre
beim Kontrollwechsel vorliegt oder nicht. "Der Kampf für
die Gleichbehandlung geht weiter", so Birget gegenüber DNR.
Investas-Präsident erwartet neue Kaufofferte
Für Jean-Paul Hoffmann, Präsident von Investas, waren die
kollektive Gegenwehr der Minderheitsaktionäre sowie wahrscheinlich
der Druck der Regierung die ausschlaggebenden Gründe für
Bertelsmann, auf das Kaufangebot zu verzichten. "Jetzt haben
wir die erste Schlacht gewonnen", sagte Hoffmann gegenüber
dem LW.
Der Investas-Präsident glaubt, dass eine Nachbesserung des Angebots
für die Kleinaktionäre Bertelsmann teuer zu stehen gekommen
wäre. Grund dafür sei, dass Pearson vor Ablauf einer Frist
von 18 Monaten die Übernahme seiner Anteile nachverhandeln könne,
falls andere Aktionäre der RTL Group einen höheren Preis
erzielen. Hoffmann erwartet, dass die Gütersloher Gesellschaft
nach Ablauf dieser "Pearson?Frist" eine neue Kaufofferte
anbieten werde.
Auch für Audiolux?Geschäftsführer Gaston Schweitzer
ist der Verzicht von Bertelsmann ein Erfolg des gemeinsamen Einsatzes
der Luxemburger Minderheitsaktionäre. Jetzt aber müsse Bertelsmann
sein Versprechen einhalten und am Markt Liquidität für die
RTL-Group-Papiere schaffen, indem der Streubesitz auf mindestens 15
Prozent erhöht werde.
Von solchen Überlegungen scheint der Medienkonzern aus Gütersloh
weit entfernt zu sein. Bertelsmann beabsichtige, seinen Anteil von
derzeit 90,2 Prozent zu behalten und sich das Recht auf eine Aufstockung
vorzubehalten, heißt es in der Pressemitteilung vom Dienstag.
Dabei sollen die Rechte der Minderheitsaktionäre der RTL Group
beachtet werden.
Mit der Entscheidung des deutschen Medienriesen haben die Luxemburger
Kleinaktionäre den aus ihrer Sicht unhaltbaren Preis von 44 Euro
vom Tisch gewischt. Gescheitert ist allerdings ebenfalls auch der
Plan, für die Anteile einen höheren Preis zu erzielen. Viel
hängt jetzt vom Urteil des Luxemburger Gerichts ab, das im Herbst
dieses Jahres erwartet wird.
Luxemburger Wort 20.03