"Fundamentale Gewissenserforschung muss am Anfang stehen"
Warum die Betriebe nach der Abschaffung der "loi Rau" wichtige
Überzeugungsarbeit für die Anleger leisten müssen
C.W. Auf Initiative der INVESTAS, der luxemburgischen Vereinigung
der privaten Aktionäre, fand am Dienstag Abend im Centre culturel
Prince Henri in Walferdingen vor zahlreich erschienenem Publikum ein
RundTisch-Gespräch über die Zukunft der Kleinanleger angesichts
der etappenweisen Abschaffung der "loi Rau" statt.
Diese,
festgelegt durch das Gesetz vom 21. Dezember 2001 sieht vor, dass
die Steuervorteile für Anleger stufenweise abgeschafft werden.
Die von der Steuer absetzbaren Beträge liegen 2002 noch bei 1500
Euro, im Jahr 2003 bei 1000 Euro, 2004 sind es noch 500 Euro und 2005
kommt dann das definitive Aus für die Steuervorteile.
Definitives Aus für "loi Rau" 2005
Moderiert von Jean-Lou Siweck, Journalist beim "Letzebuerger
Land", konnten auf der Veranstaltung folgende Persönlichkeiten
der Finanzwelt begrüßt werden: Camille Fohl, Präsident
von Generalpart und Mitglied des Direktionskomitees der BGL, Alain
Huberty, Administrateur bei Luxempart und Sous-Directeur von Foyer-Assurances,
Norbert Haupert, Abgeordneter und Berichterstatter über das Gesetz
zur Steuerreform 2002 und Michel Maquil, Präsident des Direktionskomitees
der Börse.
Eingangs wurde die Frage aufgeworfen, weshalb die ;,loi Rau"
überhaupt abgeschafft wurde. Dies hat soziale Gründe: 2001
erschien ein Bericht, nach dem das Ziel verfehlt wurde, die Sparer
zum Umdenken bei ihrem Sparverhalten zu bewegen. Die loi Rau ging
auf Fernand Rau in Zeiten der Wirtschaftskrise in den achtziger Jahren
zurück. Es gab in dieser Zeit nicht ausreichend Kapitalerhöhungen
bei Gesellschaften.
Die damalige Fragestellung lautete, wie kann man den Sparer zu Investitionen
in Gesellschaften bewegen, .die Antwort: durch Steuervorteile. Der
Mehrwert wurde nicht besteuert, erklärte Norbert Haupert.
Die Entwicklung an den Finanzmärkten führte dazu, dass es
seit 1998 nicht mehr rentabel war, an der Börse zu investieren.
Die Luxemburger Börse ist keine Insel, sie wurde vom internationalen
Klima eingeholt, allerdings war die rückläufige Entwicklung
weniger. stark ausgeprägt als z. B. bei der Deutschen Börse,
so Camille Fohl.
Michel Maquil betonte, die "loi Rau" habe grundsätzlich
schon zu einem höheren Aktienvolumen beigetragen, zu guten Kursen
und guten Umsätzen, wieviel prozentual könne man jedoch
nicht genau festmachen. Im europäischen Vergleich habe sich die
Luxemburger Börse gut behauptet und im November 2002 die beste
Performance gezeigt.
Wichtige Überzeugungsarbeit steht bevor
Alain Huberty erläuterte, die "loi Rau" sah vor, dass
Aktionäre einen Teil der Steuern absetzten und von einer Kapitalerhöhung
profitiert hätten. Da nun der Steuervorteil wegfiele, nehme dieses
Argument an Gewicht ab, und die Betriebe müssten in Zukunft besser
argumentieren und rechtfertigen, warum sie Kapital erhöht haben,
um den Anleger zu überzeugen.
Die loi Rau wird deshalb stufenweise abgeschafft, da man befürchtete,
ein sofortiger Ausstieg hätte zu starke Auswirkungen auf die
Aktienmarktstruktur gehabt, erklärte Norbert Haupert.
Veränderte Fondsstruktur
Fonds können jetzt nicht mehr mit den gleichen Argumenten verkauft
werden, den Aktionären muss am Besten schon jetzt mitgeteilt
werden, in welche Bereiche in drei Jahren investiert werden wird,
so Fohl weiter. Klare Aussagen über die Richtung der Fonds seien
nicht nur wichtig, es sei vielmehr eine Pflicht, die Aktionäre
aufzuklären. Falsch sei auch die Tendenz mancher Anleger, in
ausländische rentable Titel zu investieren und den luxemburgischen
Aktien "davonzulaufen ". Was von der "loi Rau"
übrig bleibe, sei die Obligation, Aktien vier Jahre zu halten;
bevor sie veräußert werden können. Auf der Suche nach
Alternativen, die mit der "loi Rau" vergleichbar sind, kam
man zum "Contrat individuelle de prévoyance vielleise".
Die Auszahlung der Lebensversicherung kann auf einen Schlag oder in
monatlichen Beträgen erfolgen. Auch sie enthält eine Obligation:
Mindestens zehn Jahre muss der Sparer einzahlen, um davon zu profitieren.
Drei wichtige Punkte hob Camille Fohl hervor: Erstens muss die Kundenberatung
umgestaltet werden, mehr Diskussionen müssen stattfinden. Auch
kann der Anleger nicht ein Fondsprodukt isoliert betrachten, man sollte
sich nach der Zielsetzung der Investition fragen, dem Sinn und zu
welchem Zweck ein Investment in Frage kommt. Zweitens hat jeder Anleger
die verschiedensten Emotionen bei Kursentwicklungen. Hier sollte die
Frage gestellt werden, wie das Profil und was die Risiken der Investition
sind.
Nicht zuletzt sollte man die Überlegung anstellen, ob das private
Vermögen zum gezielten Kauf von Aktien, Immobilien, etc. ausreicht.
Fest stehe: "Die fundamentale Gewissenserforschung muss am Anfang
stehen."
Journal 12.12.02